Die Mennoniten hatten in Mittelasien und vor allem in Kirgisien schon vor dem I. Weltkrieg eine rege Missionstätigkeit entwickelt. Jakob Hamm vom „Am Trakt“ hat lange Zeit von Sibirien bis Irkutsk und weiter, als Bibelkolporteur und Missionar seinen Dienst im Namen des Herrn Jesu ausgeübt. 1892/1893 kam er in die mennonitische Ansiedlung, in Kirgisien bei Auli-Ata, heiratete und befasste sich auf seinem Grundstück mit der Viehzucht und div. Versuchen, was dann später zu einer Agroversuchsstation erweitert wurde (Großvater von Otto Hertel mütterlicherseits).

Martin Thielmann (1871 – 1923). Missionar unter Kirgisen in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg. Vater von Werner Thielmann.

Martin Thielmann (1871-1923) missionierte zusammen mit Rudolf Bohn aus Deutschland, in den Jahren vor dem I. Weltkrieg unter den Kirgisen. Hermann Janzen hat, nachdem er die Bibelschule in Berlin absolvierte, auch in der gleichen Zeit unter schwierigen Verhältnissen in Mittelasien missioniert. Er evangelisierte nicht nur in den deutschen Dörfern in Kirgisien, sondern auch in Taschkent, Chiwa und an anderen Orten, so dass sowohl Deutsche als auch Russen das Wort Gottes hörten.

Unter den Sowjets war dann keine Missionstätigkeit mehr möglich, da mit Beginn der 30-er Jahre die Prediger und Missionare verhaftet und verbannt wurden.

Die Mennoniten haben als Glaubensgemeinschaft und als Volksgruppe in den etwas über 100 Jahren, in Kirgisien eine Spur hinterlassen. Während der großen Hungersnot 1917-1920 haben sie Gemeinschaftsküchen  für  die  hungernden Kirgisen und Kasachen eingerichtet. Später haben sie trotz Verfolgung und Diskriminierung durch ihren Fleiß und Tüchtigkeit, zur wirtschaftlichen Entwicklung der Region (z.B. Rajone Talas, Kant, Yssyk-Ata u.a.) beigetragen. Der Präsident der Kirgisischen Republik (neu Kyrgystan), Akajew hat im Frühjahr 1992 gesagt und geschrieben, dass es ihm sehr leid tut, dass die Deutschen (Mennoniten) zum großen Teil weggezogen sind und die noch Verbliebenen auch wegziehen wollten. Die zwei Kolchosen “Pobeda” (Leninpol) und “Sarja” (Orlow) haben bis in die 80-er Jahre 50% der landwirtschaftlichen Erzeugnisse des ganzen Rajons erzeugt. Der Präsident hat noch eine weitere Reihe von Beispielen genannt.

Der islamische Fundamentalismus ist aber in den letzten Jahren auch für die Mennoniten in Mittelasien zu einer Gefahr geworden.

Die Mennoniten haben viel zur Entwicklung der Infrastruktur Mittelasiens beigetragen, das gilt in besonderem Maße für Kirgisien. Die ersten Molkereien und Ziegelbrennereien wurden dort zu Beginn dieses Jahrhunderts von ihnen errichtet. Das holländische (friesische) Rind, die deutschen Pferde wurden in den europäischen Mennoniten Siedlungen durch Kreuzung mit den Orlower Pferden gezüchtet, eine Reihe von Gemüse- und Obstsorten wurden von den Brüdern Janzen, Hermann Epp und anderen Vertretern der Mennoniten nach Mittelasien gebracht. Auch die Bauart der Wohnhäuser erinnerte an ihre frühere preußische Heimat, sie wurde auch teilweise von den benachbarten Kirgisen übernommen. Durch enge wirtschaftliche Kontakte hatte die deutsche Bevölkerung in ihrer Mehrheit die kirgisische Sprache soweit beherrschen gelernt, dass sie sich in den meisten Fällen mit den Kirgisen nicht nur verständigen, sondern frei unterhalten konnten. Mehrere benachbarte

Kirgisen beherrschten aber auch die deutsche Umgangssprache soweit, dass sie sich in Deutsch mit den Deutschen verständigen konnten, vor allem im plattdeutschen Dialekt. Der Bilinguismus (Deutsch-Kirgisisch, Kirgisisch-Deutsch) hat mit der zunehmenden funktionalen Bedeutung der russischen Sprache seit Beginn des II. Weltkrieges stark abgenommen, und heute gibt es nur noch die älteren Leute (Deutsche und Kirgisen), die diese zwei Sprachen soweit beherrschen, dass sie sich in der jeweils anderen Sprache verständigen können. Einige Ausnahmen gibt es aber auch unter den aus Kirgisien in Deutschland eingereisten Mennoniten.


Quellen: Betrag v. Otto Hertel, aus dem Buch „Unsere Heimat war Bergtal im Tschu-Tal“ von Werner Suckau