
Gerhard Reimer 10 Jahre Haft und Trudarmee überlebt.
(erzählt v. Gerhard Reimer, 1916)
Ich wurde im Jahre 1942 zusammen mit vielen anderen in die Trudarmee nach Tscheljabinsk einberufen. Im Elternhaus war ich christlich erzogen und wollte meinen Glauben ausleben.
Am 23. Juni 1943 hat man mich wegen meines Glaubens, unter Beschuldigung „Anstiftung zur Flucht“, zu 10 Jahren Haft verurteilt. Als Gruppe mit noch drei Männern, die ich nicht kannte, wurden wir gerichtet. Ein gewisser Nickel bekam ebenfalls 10 Jahre, Enns bekam das höchste Strafmaß und zwar – Erschießen, und Wall wurde zu 8 Jahren verurteilt. Beim Verhör wurde ich geschlagen, bis ich das Bewusstsein verlor. Ich musste ein leeres Blatt unterschreiben – was man später darauf schrieb, weiß ich nicht. Dann wurde ich in ein anderes Lager übergeführt und musste in Kopejsk, bei ganz geringer Kost schwere Erd- und Betonarbeit verrichten. Wegen Unterernährung und Schwäche war ich komplett geschwollen und kam für sechs Monate ins Krankenhaus. Hier erholte ich mich soweit, dass ich in einer Tischlerei zu arbeiten begann. Kurz davor hatte ich beim Holzsägen einen Finger verloren. Später wurde ich als Meister ernannt und bekam ein kleines Stübchen, wo ich vor allem allein war und auch einige persönliche Sachen aufbewahren konnte.
Ein deutscher Mann, der frei aus- und eingehen durfte, arbeitete auch hier. Diesen fragte ich, ob er eine Bibel habe. Er antwortete: „Ich nicht, aber meine Frau hat eine. Ich werde sie bitten, sie dir auszuleihen.“ Doch sie fürchtete sich, ihre Bibel ins Lager zu geben. Im Nachhinein fand sie aber keine Ruhe und am Sonntag brachte der Mann mir die Bibel. Ich hatte zur Zeit drei Briefe bekommen; von meinen Eltern, von meiner Nichte und meiner zukünftigen Frau. Heimlich bewahrte ich noch ein russisches Testament auf. – So reich war ich noch nie!
Sonntags herrschte in der Werkstatt eine Stille und ich saß im Stübchen mit meinem Reichtum beschäftigt. Plötzlich hörte ich rasche Schritte – es waren der Chef des Lagers und KGB. Ich stand sofort auf, die Hände auf dem Rücken und betete: „Herr, erhalte mir die Bibel.“ Einer von ihnen nahm sie in die Hand, blätterte etwas darin, konnte aber nicht deutsch lesen und legte sie zurück auf den Tisch. Er las etwas im russischen Testament und fragte: „Sind sie gläubig?“ Ich antwortete:
„Ja.“ Es folgten noch einige Fragen, dann gingen sie wieder alle weg, ohne, dass etwas mitgenommen wurde. So bekam die Frau ihre Bibel zurück.
Der langersehnte Tag kam, wo ich die 10 Jahre meiner Strafe abgesessen hatte und ich hoffte einen Tag nach dem anderen frei zu kommen, doch nichts geschah. Eines Tages wurde mir ein Papier zum unterschreiben vorgelegt. „Sie kommen jetzt nach Krasnojarsk“, war die Antwort auf meine Frage, was los sei. O, wie hatte ich mich doch so gefreut, endlich nach Hause zu kommen – und jetzt?! Nur in Gottes Wort konnte ich Trost finden.
Die Reise in den hohen Norden nach Krasnojarsk, im Güterwaggon mit anderen Häftlingen zusammen, die zu 25 Jahren verurteilt waren, dauerte ein Monat. Doch im Herbst 1954 wurde ich endlich frei und konnte in Bergtal meine Familie gründen.
Im Mai 1967 bekam ich vom obersten Gericht die Bescheinigung, dass das Urteil vom 23.06.1943 aufgehoben und ich rehabilitiert sei. Der Herr hat alles wohlgemacht!
Quelle: aus dem Buch „Unsere Heimat war Bergtal im Tschu-Tal“ von Werner Suckau






