
Berta Suckau geb. am 16. November 1911. gest. am 2. Februar 1995. Sie hat sich in Bergtal viele Jahre mit der Jugend beschäftigt.
(erzählt: Kassette 1990)
„Als wir am 1. Dezember 1942 in die Trudarmee zum „BTschK“ mobilisiert wurden, hieß es für 6 Monate. Man hat tausende Menschen aus ganz Kirgisien, meistens Deutsche, zusammengetrieben, um diesen großen Kanal mit Brechstange, Picke, Schaufel „Nosilka“ (Tragbahre) und Spaten zu graben. Tag und Nacht in zwei Schichten, trotz Schnee oder Regen wurde gearbeitet. Jede Schicht dauerte 12 Stunden.
In den Baracken, in denen je 70-100 Arbeiter untergebracht waren, gab es keine Beheizung, die Dächer undicht und bei Regenwetter waren oft Kleider und Betten nass – so gingen wir auch schlafen. In dieser Behausung war nur ein kleiner Herd aufgebaut, doch wenn jemand von uns etwas zu kochen hatte, kamen wir nicht dran. So bald es möglich war, bauten wir uns draußen von Steinen einen „Herd“ und kochten dort.
Wir wurden in Gruppen aufgeteilt, für die je ein(e) Vorarbeiter(in) verantwortlich war. Unserer Gruppe stand Margarete Janzen (später heiratete sie Gerhard Reimer) vor, die sehr um uns besorgt war. Sie sorgte dafür, dass wir unsere Portion Brot behielten, denn wenn die Gruppe nicht die Norm leistete, wurde die Portion Brot gemindert. Margarete hatte sich heimlich rote und blaue Kreide beschafft, mit der die Befehlshaber im Steinbruch Zeichen machten, wieweit wir zu graben hatten. Diese Zeichen hat Margarete dann zu unseren Gunsten mit ihrer Kreide gefälscht. Es war einfach unmöglich, in diesem hart gefrorenen Grund oder Gestein die vorgeschriebene Norm zu leisten.
Nach 6 Monaten machten wir uns, mehrere Frauen aus Bergtal und Grünfeld, auf die Flucht nach Hause. Zu Hause angekommen, packten wir unsere Habseligkeiten auf eine junge Kuh und begaben uns in die Berge, ins kirgisische Dorf „Arpotek“. Wir suchten dort Arbeit, um etwas zu verdienen. Aber wir wurden aufgespürt und verhaftet. Fünf Monate lang verbrachten wir ohne Gericht, in Frunse in einem Gefängnis mit Betonfußböden. Die glaslosen Fenster waren fast bis oben zugemauert, auch fehlte jegliche Beheizung. Zum Essen bekamen wir nur gekochten Weizen, ohne ein Schluck heißes Wasser zu trinken. Nach fünf Monaten hat man uns gerichtet. Ich wurde zu acht Jahren, die anderen zu fünf bis sechs Jahren Haft verurteilt. Bevor wir nach der Verurteilung in Moldowanowka (8 km von Frunse) ins neue Gefängnis kamen, mussten wir uns in einem Zimmer ausziehen und ganz nackt in einen anderen Raum gehen, – die Kleider wurden, nachdem sie durchsucht waren, uns zurückgebracht. Ich hatte mir eine Nähnadel in die dicke Haut der Ferse geschoben und so die Nadel gerettet.
Auf dem Betonboden schliffen wir den Löffelstiel zu einem Messer. Wir sahen schrecklich aus; elend, mager, lumpig und dreckig! Ich hatte auf dem Gesäß Hühneraugen bekommen und konnte kaum sitzen, trotz allem musste ich arbeiten. Eines Tages konnte ich nicht mehr weiter, – da hatte mich meine Schwester Ella getragen.
Einmal wurden große abgekochte Rindsknochen zum Verbrennen in unsere Nähe gebracht. Ich nahm einen und habe die ganze Nacht daran geknabbert und bis zum Morgen hatte ich ihn auf. Zu Weihnachten bekam ich einmal von meiner Schwester Ella eine Kürbisscheibe geschenkt, – oh, wie die schmeckte!
Wegen meiner Unterernährung bekam ich plötzlich an beiden Füssen Blasen und kam ins Krankenhaus. Hier musste ich mit einer Frau zusammen auf einem schmalen Bett liegen, deren Haare dick voller Läuse waren – das Weitere kann man sich denken. Die Betten waren dicht aneinander geschoben und meine kranke Nachbarin an der anderen Seite war auf einmal ganz still geworden. Als nachgeschaut wurde, war sie tot. Ich bat, dass man sie wegtragen sollte, worauf man jedoch nicht reagierte. So musste ich die ganze Nacht neben der Toten liegen.
Am 9. Mai 1945 wurde uns gemeldet: „Der Krieg ist zu Ende!“ – Ach, wie haben sich die Leute umarmt und vor Freuden geweint! Am 1. August wurde ich frei gelassen und durfte nach Hause, nach Bergtal.
Fast die gleiche Geschichte hat Justina Suckau, geb. Peters (Helmuts Mutter) in ihrem Tagebuch niedergeschrieben, sie war ja auch mit Berta zusammen.
Quelle: aus dem Buch „Unsere Heimat war Bergtal im Tschu-Tal“ von Werner Suckau






